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Arzu Toker wurde 1952 in Halfeti, einem kleinen Städtchen am Euphrat, geboren. Ihr Vater gehörte zur ersten Generation der Lehrer nach der Gründung der Türkei und wurde mehrmals versetzt. So verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend an verschiedenen Orten der Türkei.

Was erzählt wurde – und was man nicht erzählen durfte – war eine Kunst, die Arzu schon als Kind erlernte, Erzählungen, kunstvoll verfremdet, spielten eine wichtige Rolle als erzählte Geschichte über offiziell tabuisierte Geschehnisse. Arzu Toker verarbeitete diese Geschichten und die Art, sie zu erzählen, später in ihrem Roman “Das bemalte Gesicht” (unveröffentlicht).

Arzus Vater war ein wissbegieriger und neugieriger Mensch und zog 1961 als einer der ersten “Gastarbeiter” nach München. 1963 zog Arzu mit ihrer Mutter zu ihm. Schon als Kind fielen ihr in den Märchen die Unterschiede zwischen östlicher und westlicher Kultur auf. Deutsche Schulen schrieben damals in die Zeugnisse ausländischer Kinder “Gastschüler”, was dazu führte, dass ihnen diese Jahre nicht als Schulbesuch anerkannt wurden. 1967 kehrte sie mit ihrer Mutter zurück nach Istanbul. Arzu holte den Abschluß der Mittleren Reife extern nach.

Arzu politisierte sich früh - ihr älterer Bruder war aktiv in der Studentenbewegung der 68´er und sie erlebte die Militärjunta. Arzu war 17 und arbeitete als Näherin in der Nähe der Blauen Moschee, als sie dort zum ersten Mal den Hippies begegnete. Die tranken, kifften, sangen, machten Musik den ganzen Tag, hatten bunte Kleider an und machten sich ein schönes Leben. Mithilfe der Süddeutschen Zeitung lernte Arzu Deutsch. Die Diskussionen der Studenten aus dem Umfeld ihres Bruders und das Feuilleton der Süddeutschen führten sie zu Nietzsche und Kant. Die Ideen der Selbstverantwortung, Selbstgestaltung des Lebens und „Gott ist tot“ wurden ihr Kompass. Sie lernte Maschinenschreiben und arbeitete als Sekretärin, Fremdsprachensekretärin, Fachübersetzerin und als Büroleiterin bei Siemens in Istanbul. Trotz der guten Stellung verließ sie 1974 die Türkei. Sie wollte vor allem raus der verstaubten, autoritären, patriarchalischen Gesellschaft.

Arzu Toker legte die Begabtensonderprüfung ab und studierte Sozialpädagogik. Sie engagierte sich für die Rechte von Frauen und Kindern und für internationale Solidarität, gründete verschiedene Initiativen (Frauen-Initiativen, Kinderläden) und initiierte und leitete Theaterprojekte mit Jugendlichen (u.a. in der Jugendpsychiatrie). Sie war Gründungsmitglied der Medienstiftung CIVIS und Vorstandsmitglied der Heinrich Böll Stiftung. Zwölf Jahre lang war sie Mitglied im Rundfunkrat des WDR, davon neun Jahre stellvertretende Vorsitzende des Programmausschusses.

Seit ihrer Jugend schreibt Arzu Toker: Gedichte, Essays, Erzählungen, einen Roman, Theaterstücke sowie journalistisch für Printmedien und Rundfunk. Sie übersetzte und schrieb kritische Artikel und Bücher ("Frauen sind eure Äcker", 2018) und hält Vorträge zum Islam. Sie gilt als Expertin zu Themen islamischer und westlicher Gesellschaften. Ihr Buch “Kein Schritt zurück” ist eine literarische Bearbeitung dieser Themen. 1997 erhielt Arzu Toker zusammen mit Niki Eideneier den Abdi-İpekçi-Preis für Frieden und Freundschaft für die Herausgabe des griechisch-deutsch-türkischen Lesebuchs "Kalimerhaba" (1992).

Der innere Monolog einer Mutter, die verzweifelt an ihrer Tochter, die plötzlich religiös wird und anfängt, das Kopftuch zu tragen ("Die verschenkte Freiheit"), Mädchen, die vom Balkon geworfen werden, um einen Suizid vorzutäuschen ("Balkonmädchen", beide in: „Kein Schritt zurück“) – Arzu Toker schreibt aus der Sicht ihrer Protagonist*innenen, subjektiv, schmerzhaft, in einer farbigen, bilderreichen Sprache. Sie beschreibt nicht, was passiert, sie lässt selbst erleben. In ihren Lesungen werden ihre Geschichten um noch eine weitere Dimension lebendiger (u.a. 5. Diyalog Theater Fest mit Der Euphrat fließt in die Rhein, 2000).

Arzu Toker fühlt sich der Aufklärung und der Entwicklung individueller Freiheit und Persönlichkeit verpflichtet. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt heute im Literarischen.

Arzu Toker hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Köln und Portugal.