Erschienen in: Der Freitag, 04.05.2007,


Arzt Toker

Akrobat

Feridun Zaimoglu schlägt sich auf die Seite der Schamtuchträgerinnen


Ferudun Zaimoglu wehrt sich! Unter dem Deckmantel des Feminismus, so ein Donnerwort des Kieler Schriftstellers türkischer Herkunft in der letzten Woche, werden der Islam und der islamische Mann für alles Schlechte verantwortlich gemacht. Zaimoglu bot selbstlos an, seinen Sitz in Wolfgang Schäubles "Islam­konferenz" für eine Neo-Muslimin, für eine "Schamtuchträgerin" zu räumen. Welch ein Gentleman, welch eine wunderbare Ironie. Durch sein wehrhaftes Verhalten kam an die Öffentlichkeit, dass auch er im Islamrat vertreten ist.

Zaimoglus Wortschöpfung "Schamtuchträgerin" bezeugt seine Kenntnis des Korans. Tatsächlich soll das Kopftuch, der Schleier, so jedenfalls will es der Prophet, die sexuelle Reizung der Männer verhindern. Mit einer Attacke zu seiner Verteidigung führt er einen Paradigmenwechsel ein. Denn die Verteidigung von Frauen durch die Bürgerrechtler mit Verweis auf die Menschenrechte richtete sich ja gegen den Zwang, ein Kopftuch zu tragen. Unvergesslich sind die Bilder der Tugendwächter in Iran, wie sie den Frauen, welche das Kopftuch nicht verhüllend genug trugen, dieses hilfreich am Kopf festgenagelten.

Bei den Neo-Muslimen, so muss man Zaimoglu interpretieren, steht das Kopftuchtragen nun für eine Variante der legitimen individuellen Handlungsfreiheit und kulturellen Identität. Was als Unterdrückung fungiert, wird bei ihm zur positiven Religionsfreiheit umgedeutet. Wer deren Inhalt kritisiert, mutiert zum illegitimen Verbotsfetischisten, zu einer Feministin, die den Rechten nahe steht und zum Schluss noch zum Rassisten. Konsequente Schlussfolgerung: Die islamistische Religionsgemeinschaft Milli Görüs ist praktische Vorkämpferin der Freiheit der Frau, da sie jährlich 150 Studentinnen, die in der Türkei mit Kopftuch nicht studieren dürfen, vermittels eines Stipendiums ein Studium mit Kopftuch in Europa ermöglicht. Und nach dieser Logik wären auch der Abschluss eines Sklavereivertrages oder die Witwenverbrennung nicht zu kritisieren, wenn denn nur die Beteiligen treuherzig versichern, dies selbstverständlich ganz freiwillig zu tun.

Spätestens an dieser Stelle fragt man sich: Wer ist eigentlich Feridun Zaimoglu, der Verkünder dieser Denkakrobatik? Dieser Mann zerfällt in mehrere Teile: in den beleidigten, den südländischen und den islamischen Mann. Als südländischer Mann wird er durch die Verräterinnen Necla Kelek und die Berliner Rechtsanwältin Seyran Ates, die ständig statt Zaimoglu in den Medien auftauchen, dort die Religion denunzieren und es wagen, eigenständig zu denken, quasi kastriert! Als islamischer Mann ist er beleidigt, weil ein von Allah verbrieftes Recht der Männer auf Frauen von eben diesen beiden schamlosen Frauen strittig gemacht wird. Der gläubige Zaimoglu weiß, wie auch der Prophet - der ein Feminist war -, dass "die Frauen intellektuell und religiös minderbemittelt erschaffen sind", deshalb muss man(n), Zaimoglu, sich für sie einsetzen. Zaimoglu sagt, es wäre geradezu unanständig von ihm, "einer Frau in puncto Kopftuch reinzureden!" Recht hat er. Es ist viel besser, eine Kopftuchfrau das Schamtuchtragen verteidigen zu lassen.

Als "Kanaktürk", der einst die Sprache der Straße, das "Kanakdeutsch" notierte und so zum Schriftsteller wurde, befindet sich Zaimoglu auf der Seite der Unterdrückten und bringt es auf den Punkt: Feminismus ist eigentlich eine rechte Gesinnung! Zaimoglu kann jene verstehen, die sich durch Karikaturen verletzt fühlen. Er bedauert auch, dass die Ehrenmorde die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wo doch muslimische Deutsche die Regeln dieser Gesellschaft längst verinnerlicht hätten und entsprechend lebten. Demnach war die 2005 in Berlin von ihren Brüdern ermordete Hatun Sürücü Opfer ihrer eigenen rechten Gesinnung, nicht des Islam. Sie hat sich nur umbringen lassen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und den deutschen Muslimen zu schaden.

Frau Kelek schlägt vor, dass der islamische Rat Frauen in die Islamkonferenz entsenden soll. Aber würde der islamische Koordinierungsrat seine Vertretung geschlechterparitätisch auf der Grundlage des Koran und der Sunna des Propheten Mohammed bestimmen, müsste die Relation der Entsendung zwei Männer und vier Frauen sein, schließlich bestimmt das islamische Recht, die Scharia, beim Thema Zeugenschaft, dass die Aussage zweier Frauen der Aussage eines Mannes entspricht.

Arzu Toker